Aus diesem Anlass zeigt der bekannte englische Künstler Christopher Haley Simpson

 

1.  Porträts der Wendezeit und eine unfertige DDR-Allegorie

2. 16 Bilder vom Scheune Schaubuden Sommer 2008

3. 18 neue lebensgroße Porträts aus der im entstehen-begriffenen 800 Porträtserie

 

in seinem Atelier in der Galerie der blauen FABRIK und in einer benachbarten Garage.

 

4. Zum stimmungsvollen und ungewöhnlichen Abschluss des Tages liest Christopher Simpson 18 und 19 Uhr Beispiele aus seiner neuen englischen Dichtung aus Dresden, begleitet durch Matthias Macht am Schlagzeug und mit dem zweiten Oralneurotiker Jan Heinke.

 

1. Porträts der Wendezeit und eine unfertige DDR-Allegorie

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„Der Ausreisewilliger –(Peter Underwood) – Öl auf Holz 1988“

Im Kontext der  Feier zum 20. Jahrestag des Mauerfalles stelle ich Porträts vor,  die ich kurz vor, während und nach der Wende schuf als Kunststudent an der  HfBK, als einer der ersten Ateliernutzer im später benannten (!) Kunsthaus Raskolnikov und bis zum heutigen Tag geschaffen habe.

 

In dem Katalog zur Ausstellung „Ohne uns!“ schreibt Frank Eckhardt über meiner Zeit im Raskolnikov: „Christopher Simpson kam und ging.“, was überhaupt nicht den Tatsachen entspricht. Zur Korrektur dieses ziemlich unbeständig anmutenden Bildes von mir, möchte ich nachdrücklich folgendes über diese Zeit ergänzen:

 

Ich unterhielt zwischen Sommer 1988 und Spätsommer 1992 – also 4 Jahren – ein Atelier im Kunsthaus Raskolnikov. Anschließend arbeitete ich ein ganzes  Jahr im Rahmen eine ABM-Stelle dort. Ich war also 5 Jahre im Kunsthaus Raskolnikov. In diesem Zeitraum entstanden monumentale Künstlerporträts, wie zum Beispiel von Holger Stark (der endlich die ihm gebührende Aner-kennung in der Ausstellung und im Katalog „Ohne Uns“ erhalten hat), die Berliner Fotografin Gundula Schulze (ebenfalls bei „Ohne uns!“ vertreten), Galeristen wie Ralf Lehmann (auch bei „Ohne uns!“ vertreten) oder Holger Wendland sowie Zeichnungen und Aquarelle von der Galeristin Wanda (ebenfalls bei „Ohne uns!“ vertreten), der Maler Andreas Küchler und anderen ungewöhnlichen Charakteren, Freunden, Liebhabern, Verwandten, die vor und nach der Wende in Dresden auftauchten oder lange Jahre wohnten, wie zum Beispiel der schwedische Journalist Ulf Modin (der ein Buch in schwedischer Sprache über die Wende geschrieben hat) oder der Frankfurter Schriftsteller Gustav Jacobsen und schließlich viele Nacktbildnisse von mir selber (gar nicht in der Ausstellung „Ohne uns!“ vertreten – also „Ohne mich oben ohne!“). Ein Sozialporträt dieser bewegten Zeit ist in den Bildfragmenten einzelner Porträts entstanden, die ich anhand von eigenen Erinnerungen und Tagebuchtexten in der kommenden Zeit weiter rekonstruieren möchte, soweit das Lebensschicksal dies erlaubt.

 

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„Der Puppenspieler Franz Lasch in seiner Rolle als Franz Henry Felgentreu“
1,00 x 3,00 meter 
Öl auf Holz 2008“
„Der Ausreisewillige (Peter Underwood) 1988“ zum Beispiel, der seine untätigen Hände über dem Kopf schlägt, der zusammen mit seiner deutschen Frau Sabine 7 Jahre auf die Ausreisegenehmigung warten musste,  ist repräsentativ für diese vielen psychologischen Porträtstudien, gezeichnet durch den merkwürdigen Alltag der DDR.

 

Im heutigen Atelier arbeite ich zurzeit an der Fertigstellung eine DDR-Familienallegorie, die ich in der HfBK in den Jahren 1987 - 88 begann. Damals wusste ich nicht, wie ich dieses schwierige Bild, vor allem als erlaubter Gaststudent, zu Ende bringen könnte. Es ist ein Porträt der DDR, strukturiert nach den Themen Familie, Arbeit, Staat, und Repressionsapparat.

 

2. Bilder vom Schaubuden Sommer 2008

 

Im oberen Galerieraum zeige ich die 16 großformatigen Schauspieler-, Musiker- und Bandporträts, die ich während der 10 Tage von Scheune Schaubuden Sommer 2008 malen konnte.

 

 In Adaption von Winston Churchill’s berühmter Rede am Ende des 2. Weltkrieges, in der er den Beitrag der königlichen Luftwaffe zum Sieg über Nazi-Deutschland pries, sage ich hierzu: „Noch nie in der Geschichte der Dresdner oder Englischen Kunst, wurden so viele geniale Schau- und PuppenspielerInnen-, Musiker- und VerrenkungskünstlerInnen-Porträts in einem so kurzen Zeitraum, von einem einzigen englischen Maler in Dresden gemalt.“

 

Ich bin besonders stolz auf die Jazz- und Tangoband-Porträts, die im Mitternachtscafé allabendlich realisiert wurden. In diesem Kontext glaube ich schon jetzt bessere und vielfältigere Musiker-Porträts als zum Beispiel der sächsische Impressionist Robert Sterl realisiert zu haben, - nicht dass ich Sterls Leistung in irgendeiner Weise geringschätze. Es geht darum, die Leistungen unserer künstlerischen Vorvätern zu achten. Scheuen sollten wir uns aber nicht, dergleichen zu übertreffen, wenn wir dazu in der Lage sind. Kunst ist ein Weg, manchmal eine Sprunghürde, aber niemals einen Endpunkt!)

 

Einige meiner Musikerbilder reichen sogar an das Können und Formgefühl von meinem verehrten Vorbild Edgar Degas heran. Schauen Sie und urteilen Sie selber! Schauen sollten Sie aber auch die Puppenspieler-Porträts wie zum Beispiel dieses von Franz Lasch in seiner Rolle als Franz Henry Felgentreu oder auch die Puppenspielerin-Porträts wie zum Beispiel das von der schönen Susi Sand  tätoviert und mit Hänsel und Gretel auf ihren Fingern, mit dem leuchtend roten Zelt des „blutigen Amateuer-Theaters Wilder Mann“ im nächtlichen Hintergrund.

 

Vergessen sollte ich auch nicht die Zeichnungen von Olaf Böhme in seine Show als „Der Angler“ und mancher anderen Show aus Paris und Deutschland,  die ich 2008 zeichnete.

Mit solchen Zeichnungen werden es aber insgesamt mehr als 16 Bilder, es sind 20 vielleicht auch 24, die damals zustande kamen.

 

3. 18 neue lebensgroße Bilder aus der in Entstehung begriffenen 800-Porträtserie

 

In der Garage neben meinem Atelier zeige ich 18 lebensgroße Porträts die in letzter Zeit entstanden sind. Sie sind Teil einer spekulativen Serie von 800 Dresdener Porträts, die ich, wenn die Zeit und die Kräfte reichen, spätestens bis zum Lebensende hier realisieren will. Im Bewusstsein des zeitgenössischen Begriffs des Multiplexes in der Kunst, strebe ich hier durch die festgelegten und wiederholten Ganzporträts ein strenges Bildregime an, das wiederum unbeabsichtigte Werte stärker zum Vorschein bringt, so das eine spannende Variationsreihe daraus resultiert.

 

    ...

 

Mit dieser ambitionierten künstlerischen Unternehmung, deren Realisierung nur über einen längeren Zeitraum möglich sein wird, möchte ich das Gespenst der englischen Malerei schrittweise aus seinem Dasein als Randelement in Dresden erheben und im Zentrum des hiesigen Kunstgeschehens fest verankern. Mein vielleicht europäisch gesinntes Vorhaben (Zeus entführte Europa auf seinem Rücken) wurde bisher mit der freundlichen Unterstützung von Niemandem, außer den geduldigen und interessierten Bürgern, die mir Modell gestanden haben, realisiert.

 

Sowie der Geist als Verankerung im Körper ermöglicht wird,  nicht umsonst wählten die Frühägypter das Symbol eines körperähnlichen Kreuzes    ,das als Ankh ausgesprochen wurde, als Zeichen für das Lebensprinzip. Genauso möchte ich ein wachsendes Bewusstsein für die Verankerung der englischen Kunst aus Natürlichkeit und innenwohnender Kraft, hier in Dresden etablieren. Ich möchte meinen Kunstbegriff also in 800 Körpern verankern.

 

Die englische Kunst in Dresden darf nicht mehr als Schnapsidee gelten. Sie ist zwar noch keine museale Erscheinung, hat dennoch viele Muse in sich und widmet sich lebensbe-jahenden, praktischen und alltäglichen Prinzipien, ähnliche wie zum Beispiel hilfreiche Krankenschwestern, Mechaniker oder Taxifahrer. Die englische Kunst sucht ihrer Erfüllung nicht im Rampenlicht der flüchtigen angesagten Aktualitäten, sondern in ihre produktiven Dauerhaftigkeit und Arbeitsamkeit. Aus diesem Grund stelle ich die ersten 18 Porträts sehr gerne in einer Autowerkstatt aus. Die englische Kunst in Dresden selbst ist wie eine offene und nützliche Werkstatt mit vielen Werkzeugkisten. Sie ist ein offener Begriff, etwas alltägliches, schon vertrautes und manchmal mit besonderem existentiellen Wert, wie glänzender  angesammelter Staub oder bunt wucherndes Unkraut, im Gegensatz zu den konstruierten und abgesegneten Wichtigkeiten und Aktualitäten des kommerziellen Kunstmarktes Was sagte Tübke darüber?: „ Schaufenstergestalter“.

 

Mit diesem großen Porträt-Zyklus ziele ich auf langjährigen Erfahrungsgewinn sowohl bei der existentiellen Begegnung mit neuen Modellen als auch in den künstlerische Handwerk hin. Ich giere nicht nach momentaner Aktualität. Die Entstehung der 800 Porträts wird begleitet durch Tagebuchaufzeichnungen, kleineren Studien und dilettantischer il-mio-Diletto-Dichtung. Dadurch wird sie nicht bloß zur bildbegleitenden sondern auch lebenserweiternden und bedingenden Tat.

 

Innerhalb des gesamten Sets von 800 Porträts werden neue Gruppierungen und Variationen entstehen. Als Beispiel freut es mich sehr, dass ich in letzter Zeit zwei gesamte, auch wenn nur kleine Familiengruppen malen konnte – meine eigene Familie und die Familie Kurtze – Mann, Frau und Kind. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, eine gesamte Fußballmann-schaft  oder eine gesamte Dönerbudenbelegschaft als weitere Sub-Sets zu malen.

 

Es ist für mich wichtig, diese Serie in einer Garage auszustellen. Die englische Malerei giert nicht nach glanzvoller, modischer Aktualität, Präsenz auf internationalen Kunstmessen oder elitäre Transzendenz. Die englische Malerei in Dresden ist keine museal festgelegte Wirklichkeit, sondern dem Wesen nach eine dauerhaft werdende, produktive Angelegenheit verborgen im Herzen der Stadt– so elementar im Alltagsleben wie zum Beispiel die Arbeit der vorher erwähnten Krankenschwester, des hilfreichen Taxifahrers, des fürsorglichen Lehrers, so nüutzlich und brauchbar wie eine offene Werkzeugkiste für kommende Generationen. Die englische Malerei lebt und stirbt in Dresden und geht hiermit eine weiter reichende geduldige Verbindung mit Zeit und Raum ein und begnügt sich nicht mit den schnellsten aktuellsten Lösungen und Totschlagargumenten.

 

Zur Vorgeschichte

 

Seit William Turner im 18. Jahrhundert einige Bleistiftskizzen von Dresden in seinen Reisetagebüchern festhielt, blieb die englische Malerei aus Dresden weniger als eine geistige Spekulation. Mit Anne Siebert’s Zuzug in den 50er Jahren wurde der Beginn einer englischen Schule in Dresden erst ermöglicht. Durch die zahlreichen englischen Künstlern der Dresdner Gegenwart ist eine englische Szenerie in der hiesigen Kunstgeschichte deutlich sichtbar geworden. Denken wir an die provozierenden Großstadtinstallationen von Adam Page, an die unablässig anti-heroischen Straßenbilder und schwarzen Äpfel von Owen Ford, an die lyrischen Bauten und Lichtkunst von Ruari o’Brien. Es ist jetzt an der Zeit, diese neue Wirklichkeit mit besonderen heroischen künstlerischen Taten zu überbieten und warum nicht, auch international bekannt zu machen! Nie mehr sollen Anglo-Amerikaner prinzipiell als Zerstörer der Stadt gesehen werden und Randelement in der Dresdner bildenden Kunst sein, sondern als gleichberechtigt schöpferisch Denkende und Handelnde, die ihr künstlerisches Lebenszentrum in Dresden auf sinnvollste und liebenswerteste Weise nutzen.

 

4.  Zum stimmungsvollen und ungewöhnlichen Abschluss des Tages lese ich 18.00 und 19.00 Uhr Beispiele aus meiner  neuen englischen Dichtung – Englische Dichtung aus Dresden! Das gibt es also auch noch! Begleitet werde ich durch Matthias Macht am Schlagzeug und von dem Oralneurotiker Jan Heinke. Die Oralneurotiker wurden erst bekannt durch ihre Auftritten beim Schaubudensommer 2008 und 2009.

 

Das Bildermanifest soll also mit Gedichten und Limericks zwischen A und Ω, in englischer und deutscher Sprache unter dem Motto „Alphabet Limericks“ umrahmt werden. Es sind genauer gesagt Dichtungen zwischen A und Z, womit ich hier, unabhängig von Gunst, Eitelkeit und Opportunismus von Kuratoren oder Museumsleuten, in bedrohter Lage, aus eigenem Pein und voller Irrtum, Zeichen eines eigenen ästhetischen Kontextes und Maßstäbe im universellen Raum setzen will. Der Chef des Dresdner Goethe Instituts, Robert Sobotta, beschien mir mit diesen Gedichten schon „sophistication“ – also es ist was dran!

 

Um 19:00 Uhr schließe ich meine Ateliertüren. Im oberen Galerieraum in der blauen FABRIK, lese ich aus Gedichten, die ich während des diesjährigen Scheune Schaubuden Sommers für und bei der Mitternachtsshow von Cora Frost komponierte und rezitierte, damals zwar in der maskierten Rolle als „Christian Seimann – der König der Limericks“. An diesem Abend jedoch möchte ich vor einem interessierten Publikum nackt auftreten, die 16 Scheune-Schaubuden- Sommer-Porträts von 2009 im Hintergrund, als schöpferischer Geist ohne Maske.

 

Die neuen Limericks und Gedichten können als handgebundene Ausgaben gekauft werden. Auch Bilder aus dem Atelierbestand können besichtigt und gekauft werden. Sie helfen damit, die unabhängige ästhetische Arbeit vom Atelier SIMPSON hier in Dresden fortzusetzen und weitere ungewöhnliche Zukunftsprojekte vorzubereiten.

 

Ich würde mich über Ihr Interesse und  Ihre Unterstützung freuen,

 

Yours sincerely,

 

 

 

 

Christopher Haley Simpson

Freiberuflichen englischen Künstler in Dresden

Mitglied im Künstlerbund Dresden

Bachelor of Fine Art, Ruskin of Drawing, Oxford University

Gaststudent der Akademie der bildenden Künste Dresden 1987-88

 

 

The Kiss of the Muse

 

This new poem, inspired by the Muse and Lord Byron’s “The first kiss of love”, may serve as today’s statement of artistic intent and metaphoric illustration of an understanding of the formal and social possibilities of art. These both innocent and indignant thoughts spring from the same psyche which is brought to bear in the newest impressionistic variations.

 

Away with your art talk, so bleak and pedantic,

Veiled in relevant theories so critics enthuse;

Give me storm clouds o’er nature most wild and romantic,

Or the rapture revealed in the kiss of the Muse.

 

You art market heroes, eyes with dollars a-glow

Who paint smutty tabus ‘cause that’s a good sales ruse,

What beautiful colours and feeling you’d show,

Had you glimpsed the red lips wherewith kisses the Muse.

 

If your gallerist should his assistance refuse,

So the buyers get confused, as if your art’s no use;

Then invoke them no more! Do like me as you choose!

And instead give an arousing kiss to the Muse.

 

I hate you, ye cold compositions of art!

Though critics may spite me, and curators curse.

My fiery creation comes straight from the heart,

Which throbs with delight from the kiss of the Muse.

 

Pop art may mock, intercultural themes

Can awarenes improve and sometimes well amuse,

And with Miami* prices mediocrity gleams!

But the world’s gold won’t purchase one kiss off the Muse.

 

Oh cease to affirm that since Duchamp’s last breath,

All representation must innocence lose.

I’ll ne’er dolefully wallow in art’s suppos’d death,

But evade such a grave via the kiss of the Muse.

 

When the art press forgets you now your trend is past,

For all styles drift away - Fashion prides in swift shoes -

Your soul and works fade, and your grand name won’t last,

Unless you were blessed by the kiss of the Muse.

 

 

5. November 2009 © Christopher Haley Simpson

 

*I mean Art Basel Miami Beach,

Where all that glitters is most certainly not gold,

Yet helped by chitchatter may still get sold.

For my part I think that art should still teach,

And other spheres than mere vanity reach.