Leben, wohnen, arbeiten, Dresden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine tria-logische Konzeption

Christopher Haley Simpson

 

Drei Ausstellungsbewerbungen Dresden 2009


 

Die Bewerbung für den ersten Teil habe ich übersehen. Aus meiner Perspektive ist das jedoch irrelevant. Leben und Wohnen in Dresden haben für mich die gleiche Bedeutung und durchdringen einander so sehr, dass ich es weder trennen kann noch möchte.

Möchten Sie mir und meinen Gedanken folgen? Ich lade Sie herzlich ein.

 

 


 

Sehr gerne würde ich an allen noch bevorstehenden drei Ausstellungen „Wohnen“, „Arbeiten“, „Dresden“ im Rathaus teilnehmen. Meine Ausstellungs- Konzeption ist tria-logisch, Es ist die Trilogie  mit Bezug auf das Gestern, Heute und Morgen Dresdens aus der Perspektive eines ausländischen Künstlers, meiner Perspektive.

Was macht sie anders? 

Die meisten sprechen sowieso Englisch und Denglisch wächst schon längst als Klangwelt in die Deutsche Sprache hinein, blumen- oder krebsgeschwürartig, ganz nach Belieben. Und trotzdem, Englisch zu sein in Dresden, in Deutschland überhaupt, bedeutet, zu einer der kleinsten Minderheiten hierzulande zu gehören. Das allein ist spannend. Doch nicht nur. Aus dieser Sonderstellung in der Dresdner Gesellschaft heraus finde ich eine Beteiligung an den drei noch ausstehenden Ausstellungen im pochenden Polit-Herzen Sachsens und  Verwaltungszentrum der Stadt Dresden existentiell. Dresdens Sinn und Form, der bisherige Bilderkanon beschäftigen mich künstlerisch tagein, tagaus. Als ausländischer Künstler in Dresden muss ich nicht in die Ferne gehen, um zu entdecken, denn ich bin schon längst dort.

 

Wohnen

 

Es ist mein Schicksal in Dresden zu wohnen

Ich musste mich lange daran gewöhnen;

Oftmals wollte ich fliehen,

Sie ließ es  mir nie gelingen,

Ich musste mich mit ihr versöhnen.

 

Fern meiner ursprünglichen Heimat wohne ich inzwischen über 20 Jahre in Dresden. Wie im Gedicht geschildert, ist Dresden nicht meine Wunsch-Stadt. Es hat sich offenbar in den Jahren so ergeben und ich will, allen Widrigkeiten zum Trotz, das Beste daraus machen, vor allem künstlerisch. Meine Wunschstadt wäre Venedig – ich spreche sehr gut und singe sehr gerne auf Italienisch. Nun, ich bin im Venedig des Nordens gelandet, gestrandet, verbandet. Französisch spreche ich übrigens auch, fließend.

 

Das alte Deutsch-Sein in all seiner Schuld, mit Ironie und auch Scham, war viele Jahre das Hauptthema und zugrundeliegende Motivation für Künstlern wie Anselm Kiefer, Gerhard Richter und Jürgen Schieferdecker. Ich bin deren kultureller Gegensatz – das neue Englisch-Sein, auch mit Ironie, doch ohne Schuld, schamlos vielleicht. Ausstellungen wie „1001 Nachttischlampe“ sind meine eigentlichen Hauptthemen und Quelle meiner Motivation während ich in Dresden wohne, im tiefsten Osten, während ich über Jahren tiefer und tiefer ins Herz der deutschen Sprache und Kultur eingetaucht bin. Nach der Arbeit im Atelier ist es nicht ungewöhnlich, dass ich aus Neugier und Spaß expressionistische Dichtungen einfach für mich übersetze, rhythmend allerdings in meiner Muttersprache. Diese Dichtungen schicke ich an meine Mutter in England. Warum versteht sie sie nicht? Mismatching? Ich bin irgendwie ein Misfit. Zwei Welten treffen sich in mir, prallen aufeinander. Gewohnheit. Geborgenheit ist anders. Jedoch nicht minder erhellend.

 

Schau in die Museen, lies in den Büchern – es gab bisher so gut wie keine Englische Malerei oder Kultur in Dresden. Im Jahr des Stadtjubiläums, im Kontext der Recherchen für ein Kunstprojekt in der Blauen Fabrik, entdeckte ich ein Foto von der zerstörten englischen Kirche Dresdens in der Nähe des Hauptbahnhofs. Die Kirche malte ich für den Bühnenraum unserer Blauen Fabrik, betitelt:„Zerstörung. Rekonstruktion, Auferstehung“. In Dresden zu wohnen, kann solche Entdeckungen bringen.

 

Manchmal denke ich, ich bin ein Frontiersman des englischen Geistes hier in Dresden. Währenddessen man zu Hause in England mit allerlei anderen Dingen genug beschäftigt sei. Damien Hirst’s Ausgestopfte Haifische zum Beispiel sind ja so aufregend genug. Also bin ich aus britischer Sicht ein Eremit in Dresden. Bye, bye Old England –Dresden, here I am, nur, in welcher Schublade lande ich?  Die für Nachwuchskünstler scheint definitiv geschlossen. Ich bin eher englischer Auswuchs, oder Unkraut. ( Im Ordnung der Dinge ist auch Unkraut etwas essentielles.) Chaot? Alien? DD-lien?

Aus hießiger Perspektive bin ich für die öffentlichen Sammlungen etwas nebensächliches, unbedeutendes, alltägliches. Meine Zeichnungen der Eröffnungsfeier des Kupferstich Kabinettes kriegte ich vom selben kommentarlos zurück.

Nach 20 Jahren stelle ich langsam fest daß ich für den patriarchischen Establishment – womit ich Kupferstichkabinett oder Kulturstiftung meine, offenbar ohne jeder Bedeutung bin, egal was ich geleistet habe.

 

Trotzalledem: Mein Englisch-Sein in Dresden gewährt mir lebendige, höchst sinnvolle und aus der langen Sicht auf Dinge, ständig aktuelle Perspektive. Durch die andere Herkunft schau ich auch anders hin. Je älter ich werde, umso mehr interessiert mich das, was bleibt. Es ist, als ob die Gravitation wächst.

 

Meine Langzeit-Perspektive umfasst mehrere Generationen. Als englischer Eremit in Dresden zu wohnen, ist sonderbar. Die Perspektive meiner Familie ist sonderbar, sonderbar geprägt durch gelebte Geschichte, schicksalhaft verbunden mit Deutschland, mit Dresden.

 

Einer meiner Namensgeber, Charles Haley, fiel 17jährig im Ersten Weltkrieg in Belgien, womöglich wurde er durch Otto Dix’ Maschinengewehrfeuer niedergestreckt. Mein Großvater Bill war als Panzerfahrer und Ausbilder an dem ersten Sieg der Britischen Armee gegen Rommel in der nord- afrikanischen Wüste beteiligt. Zu Hause in Lancaster behauptete er später bis zu seinem Lebensende, dass nur ein toter Deutscher ein guter Deutscher wäre. Seine Frau Molly war im ersten Weltkrieg Krankenschwester im Feldlazarett in Frankreich. Im Zweiten Weltkrieg baute meine Großmutter Molly Bomben in einer Munitionsfabrik in Lancaster, und es ist gar nicht auszuschließen, dass Bomben aus ihrer Produktion am 13. und 14. Februar 1945 auf Dresden fielen. Schuld. Unschuld. Frontiersman. Alien. Here I am.

 

In Dresden zu wohnen, bedeutet für mich durchaus diese Tatsachen im Kopf zu haben. Das einfache Wohnen und Leben heutzutage in Deutschland hätten meine Verwandten früher mit einem Wunder gleichgesetzt. Und so begreife ich meinen Alltag, besonders wenn mich Banalitäten wie Geldmangel oder soziale Geringschätzung schmerzen. Aus meiner speziellen Langzeit-Perspektive kann ich dann schauen, zu meiner Erhellung.

 

Die Langzeit-Perspektive transfiguriert kafkaesk den Alltag. Sie mag beschwerlich erscheinen, aber in Wirklichkeit erleichtert sie. Erleichterung spornt mich an, wie die Morgenröte. Ich bin erleichtert und versuche mehr und mehr zu verstehen, mir meines merkwürdigen Zustandes bewusst und gerecht zu werden – ein englischen Künstler aus Dresden bin ich geworden. Das Überleben ist zwar beschwerlich, aber die Verzweiflung dynamisiert immer neue Kräfte. Am Ende fühlt man sich mehr verbunden, mehr verkettet, schicksalhaft, mein Schicksal. Ich weiß nicht, ob ich in Dresden verliebt bin, aber unzertrennbar scheinen wir zu sein. Sie lässt mich nicht gehen. Sie ist der Fokus meines Lebens geworden. Sie ist der stärkste magnetische Pol.

 

Oder anders, Dresden ist ein Puzzle, und ich bin ein neues Stück, das aus der Ferne dazu gekommen ist, wie die vielen Anderen, aber wir passen nicht genau hinein. Das Leben versucht es mit uns immer an einer anderen Stelle des gleichen Puzzles.

 

Die Werke

 

Mein Ausstellungsvorschlag setzt sich aus Papier-Arbeiten aus meinem Alltag zusammen. Ich möchte eine visuell ansprechende, poetische Kollage aus kleinen Familienskizzen, zum Beispiel meine Frau mit neugeborener Tochter, Kontoauszügen, Alltags-Notizen und Dichtungen, an der Rathauswand inszenieren.

 

Ein besonderer Fokus soll einer meiner neueren handschriftlichen, englischen Nachdichtungen gelten.  Das Gedicht „Nahe mein Bruder zu dir“ des Expressionisten Walter Rheiner, der nach dem I. Weltkrieg zeitweilig in Dresden wohnte und eine Schlüsselfigur der hiesigen Szene war. Wer meint, Kenner der Dresdner Malerei zu sein, hat Conrad Felixmüllers Bild „Der Tod des Dichters Walter Rheiner“ vor seinem inneren Auge. Ich sehe es deutlich, jeden Tag.

 

            Politisch und künstlerisch stelle ich mir solch eine Alltags-Kollage im Rathaus als Aufklärung und als eine Art Protest gegen die wirtschaftliche Misere vieler Künstler in Dresden vor. Rein formal gesehen, würde eine Kollage aus Belegen mit gewöhnlich niedrigen Umsätzen eine sinnstiftende Verbindung ergeben zu aufstrebenden, lyrischen Flügen, allerdings in englische Sprache. Englische Dichtung aus Dresden. Warum nicht? Wohnen in Dresden ist ein tagtäglicher Überlebenskampf, eigentlich eine emotionale Qual und ich frage mich manchmal, warum tue ich mir so etwas an? Ich bin oft erfüllt von einer tiefen Ratlosigkeit, dann rettet mich die Inspiration, das quälende, rettende Schicksal. 

 

Aber gäbe es den Fluss der Emotionen nicht,  das musikalische Auf und Ab, wäre die Kunst sowieso nie entstanden und wir hätten auch nicht die seelischen Kräfte, zu verstehen. Empfindsamkeit ist ein Schatz.

 


Arbeiten

 

Es ist mein Schicksal in Dresden zu arbeiten,

Und mit unvorhergesehenen Begebenheiten,

Fertig zu werden.

Das halbe Leben

Ist die Arbeit-ein freies Feld mit neuen Möglichkeiten.

 
 

 

 


Mein Beitrag zur dritten vorgesehen Themenschau setzt sich mit der näheren Vergangenheit und der Arbeit des Wiederaufbaus der Frauenkirche auseinander. Schon zur Zeit des Wiederaufbaus und bis heute musste man sich durch eine wahre Frauenkirchen-Bilderflut kämpfen. Kein Wunder, ich schwamm mit meinen Arbeiten auch mit und ging unter.

 

Acht Jahre lang stieg ich auf das höher wachsende Baugerüst der Frauenkirche.  Gebrochene, teils noch schwarz verbrannte, verwitterte, gold glänzende Steine. Ich zeichnete, aquarellierte und filmte die faszinierende Arbeit.

 

Früher bin ich in England mit meinem älteren Bruder Michael Klettern gegangen. Die wachsenden Steine über Dresden haben mich zuerst aus der Perspektive des Kletterers interessiert. Aber vor allem habe ich die Totalität des Wiederaufbaus als Kunstaktion an sich betrachtet, mit dem Fokus auf die Aufwertung der Arbeit und des Handwerks. Die Hand hat fünf voneinander unabhängige Willen, der Kopf hat nur einen. Bodenständige, deutsche Arbeit, ausgeführt von hiesigen Firmen. Wo bleibt bei der heutigen Global-Diskussion deren Wertschätzung? Wer lässt zu, dass Handwerk so schnell rückständig, provinziell und irgendwie überflüssig geschimpft wird? Weltgeschichte ist Weltgeschichte. Zu keinem Zeitpunkt war sie nicht global. Was erschreckt wen?

 

Beim Bau der Frauenkirche hat mich ein großartiges Theater mit viel Pathos und im Detail als Choreografie der Arbeit absolut gefesselt. Arbeit wurde hier auf ungewöhnliche und unwiederholbare Weise auf eine wachsende Bühne gestellt und höchst gewürdigt. Die Arbeit wurde auf einen Altar gestellt.

 

Beim Kunststudium in England lernte ich vor vielen Jahren viel über El Lissitzkys vorgesehenen „Turm zur Arbeit“, der zur III. Kommunistischen Internationale vorgestellt wurde. Außer einem kleinen Modell, ungefähr mannshoch, das im ehemaligen Hafen von Liverpool realisiert wurde, als kleines Andenken an einen internationalen Streik, blieb El Lissitzky’s Entwurf bis heute im Schubfach.

 

Richtig verstanden, war der Wiederaufbau der Frauenkirche eine lang anhaltende Kunstaktion, die ich persönliche wie eine Interpretation von El Lisstizky’s Turm zur Arbeit verstehe. Eberhard Burger sprach oft von George Bährs Partitur. Der Bauleiter hat es also auch wie eine Bühnen-Aufführung gesehen und gebannt wie im Theater schauten alle hin. Wo wurde bisher in der Alltagskultur, in Büchern, Fernsehen, Zeitungen der Blick auf altes Handwerk und die Zusammenarbeit von vielen Verschiedenen so stark ausgerichtet wie beim Wiederaufbau der Frauenkirche.

 

Die Werke

 

So ergibt sich mein Ausstellungsvorschlag für die dritte Schau. Ich kann mir vorstellen, eines meiner vielen Baustellenbilder, betitelt „Arbeit am Altar“ auszustellen. Es stellt die tatsächlichen Arbeiten an der Renovierung des Frauenkirchenaltars und meine Interpretation des eigentlichen Sinns des Wiederaufbaus, folgend als einen hingebungsvollen Fokus auf die Arbeit; den gesamte Wiederaufbau dar. Der  Arbeit an sich, am Altar, gilt unsere Aufmerksamkeit.

 

Meine jahrelange Arbeit auf der Baustelle als künstlerisch Suchender habe ich als Sache des Glaubens aus der Familien-Langzeit-Perspektive gesehen. Ästhetisch sehe ich mein Bild „Arbeit am Altar“ als Epochenbild in der Englischen und in der Dresdner Kunst, auch wenn dieses Bild noch nicht fertig ist. Am Bild „Arbeit am Altar“ weiter zu arbeiten, ist für mich untrennbar mit Inspirationen durch Otto Dix verschiedene „Schützengraben- Bilder“ oder Wieland Försters „Trauernden“ verbunden.

 

Meine künstlerische Arbeit bleibt eine suchende, interkulturell abwägende Arbeit.  Ich nehme Bezug auf den Kanon der bisherigen künstlerischen Arbeiten in Dresden, die dieser kommentiert und einen Platz für sich ausfindig machen will. Ich sehe auch die Verbindung zum weitem und katastrophalen Feld der zeitgenössischen englischen  Kunst zum Beispiel, innerhalb und außerhalb des Haifischbeckens. Ich bin ein braver, englischer Geselle auf der Baustelle der Dresdner Kunst. Die unfertigen Bild-Arbeiten setze ich in der visuellen Baustelle meines Ateliers fort.

 

Den Wiederaufbau der Frauenkirche zu malen war und bleibt schwierig. Wenn Anselm Kiefer das Brandenburger Tor malen würde, wäre das eine leichtere Aufgabe. Bei der Malerei der Frauenkirche muss man sich von vielen Vorbildern distanzieren. Die ersten Ergebnisse sind bisher enttäuschend. Ich setze jedoch diese Malerei im Atelier fort; Malerei als Fortsetzung der Wiederaufbau mit anderen Mitteln.

 

Alternativ zum Bild „Arbeit am Altar“ schlage ich auch die vier Serienbilder „Dresden mit Schubkarre“ vor. Hier halte ich eine Baustellenszene mit Fernblick auf die Augustusbrücke mit Schubkarren im Vordergrund fest. Canaletto, Gotthardt Kühl, Oskar Kokoschka malten diese Brücke vor mir. Aber keiner hat sie bisher umrahmt von einem Baugerüst gemalt. Das ist mein Bild. Ergänzt durch verschiedene Tages- und Jahreszeiten sowie unterschiedliche Witterungsbedingungen in einem Zyklus. Es ist eine mehrfach überlagerte Variation, eine surreal-impressionistische Variation, in dem ich die flüchtige Arbeit des Wiederaufbaus zum Stillstand zu bringen versuche, mittels verdichteter Tageszeiten, Jahreszeiten und Donnerwetter. Meine unmittelbare Erfahrung dieses Abschnittes des Dresdner Wiederaufbaus, ein wahres Arbeitsuniversum wuchs verborgen hinter den Baustellenplanen im Herzen Dresdens über viele Jahre. Ich  möchte sie als impressionistische Vision in Atelier-Arbeit zum glücklichen Ausdruck bringen. Malerei als Echo der Arbeit, den pfeifenden Ton der Sandsteinschneidermaschine in meinen Ohren.

 

Eine dritte Werkalternative ist, eine Mini-Baustellen und Malerei-Installation im Korridor des Rathauses zu realisieren. Zwanzig Jahre nach der Wende könnte eine Frauenkirchen-Baugerüst Installation eine künstlerische Metapher für den Zwischenraum der Hoffnungen, praktischen Änderungen und Ausbruch der Ambitionen zu neuen Dimensionen, die ich mit der Wende verbinde, – eine Installation über eine unfertige Baustelle als Metapher für den utopischen Arbeitsantrieb in jeder Gesellschaft. Die Gesellschaft ist eine offene Werkzeugkiste und nie eine fertige Arbeit.

 

Die Frauenkirche, ein Bauwerk mit dieser ausgefallenen Form und mit diesen Ausmaßen, bedeutet einfach Glaube. Ganz gleich, ob man Christ ist oder vor Jahren gegen den Wiederaufbau der Frauenkirche war, heute muss jeder Mann und jede Frau zugestehen, dass der Wiederaufbau eine unglaubliche Zuversicht ausdrückt und eine opulente Demonstration mannigfaltiger handwerklicher Fähigkeiten darstellt, die in unserer „down-gesized“ Welt selten so konzentriert zum Ausdruck kommen.

 

Eine Baustelleninstallation, bestehend aus fünf Bildern und einer Plattec Baugerüst Einheit, samt Aluleiter, würde diese Baustellenwelt in all ihrer unfertigen, quicklebendigen und heiteren Sperrigkeit wiedererscheinen lassen.

 

 


Dresden 

 

 

Die vierte und letzte Ausstellungseinheit sehe ich im Kontext der Zukunft Dresdens und der zukünftigen Bedeutung meines hiesigen Künstler-Daseins.

 

Für die letzte Schau schlage ich noch nicht realisierte Arbeiten vor bzw. Arbeiten, die sich noch im Keim befinden und die ich aus diesem Anlass zur Blüte bringen will- meiner und der Zukunft Dresdens gewidmet. Eine gemeinsame Zukunft.

 

Es gibt zwei Alternativen. Ich denke zuerst, aus einer Skizze der Einweihung der Frauenkirche, aus der Erinnerung eine Darstellung von diesem festlichen Tag zu machen. Damals stand ich mit meinen Eltern in der Menge vor der Kirche als der Bundespräsident auf der übergroßen Projektionsleinwand erschien und sprach. Ich skizzierte das Geschehen. Ich stelle mir vor, dieses Bild als Ölgemälde, drei mal zwei Meter, zu realisieren

Textfeld: Leben, Arbeiten, Wohnen in Dresden ist mein Schicksal,
Es bringt mich oft zur Verzweiflung- wahre Mühsal.
Aber ich bin kein Nihilist,
Bin „Artiste“ und Exhibitionist.
Auch durch mich wirkt Dresden musikalisch manchmal.

Ich blicke zurück in die Vergangenheit und auf die Simpson Familie im Ersten Weltkrieg, daran,  wie der 17jährige Bruder meiner Großmutter starb. Charles Haleys Kopf würde sich in einen Blut strömenden Kelch durch die Patronen von Otto Dix Maschinengewehr verwandeln, ohne das Charles Haley je ein Wort mit dem „Dresdner“ sprechen konnte,  ohne überhaupt je einen Satz auf Deutsch gesprochen zu haben oder eine Deutsche Stadt wirklich gesehen zu haben, ohne eine Dresdner Frau betrachtet zu haben. Dann denke ich, wie armselig war die Welt damals. Solche Langzeit-Perspektivischen Betrachtungen ermöglichen mir, fröhliche neue Dresden Bilder zu versuchen und zu ergründen, genauso wie zum Beispiel Anselm Kiefer die Märkische Heide oder den Reichstag hat malen können, inspiriert durch stumpfsinnige Soldatenlieder, aus einem revidierenden Verständnis der Vergangenheit.

 

Mein Wunsch ist, vollkommen neue und bessere Bilder von Dresden zu machen, dieser Stadt mit neuen Emotionen auf den Weg zu helfen, die ich so noch nicht erlebt habe. Und was die Frauenkirche angeht, ich denke, dass jeder Künstler, jede Künstlerin, der, die ernsthaft mit einem Bezug zum Ort arbeitet, wenigstens eine Bildinterpretation davon gemacht haben sollte, sei es als lustvolle Brust und Zitronenform à la Hubertus Giebe oder als brennende Untergangswölbung, der gebrochenen Eierschale in der berühmten Stadtkulisse à la Otto Dix, samt Lot und seiner Töchter.

 

Dresden hat sich offenbar ganz schön in mein Fleisch hineingeschnitten und ich werde sehr wahrscheinlich hier sterben und eines Tages in ihr liegen. Andere entkommen der Stadt, setzen sich in New York oder Paris nieder. Aber wie ich am Anfang gesagt habe, ich muss nicht nach New York oder Paris gehen. Als Ausländer bin ich schon in die Ferne, jenseits jeder Vorstellung meiner näheren englischen Vorväter.

 

In Venedig zu wohnen wäre mein Paradies, genauso sehe ich das Leben in Paris. In Dresden zu wohnen, heißt, teilzunehmen an einer Odyssey, mit vielen Schwierigkeiten, Nervosität, Gegnern, die ins Gesicht schlagen, Enttäuschungen, Schweißarbeit, vielen eigenen Fehlern und daraus wachsenden Erfahrungen.

 

An Dresden bin ich fest genagelt. Das Schicksal hat ein Kreuz mitten in mein Leben gezeichnet und sie heißt Dresden. Ich bin einfach nicht mehr frei, einzupacken und woanders hinzugehen. In Dresden als englischer Künstler etwas zu wagen und sogar hier zu scheitern, wäre angesichts des früheren 21. Jahrhunderts immer noch etwas Reines und Heroisches. Und wer weiß, so unreif und relativ jung, wie ich heute noch bin, und in Anbetracht meiner geheimen noch nicht realisierten Pläne, werde ich womöglich eines Tages als englischen Held der Dresdner Kunst im Stadtmuseum, Kupferstich Kabinett oder beim Kunstfond Sachsens höchste öffentliche Anerkennung durch die hiesigen Experten genießen und dieses schon, bevor meine Wenigkeit durch emsige Dresdner Würmer im vertrauten Sächsischen Boden aufgefressen wird. Ein frommer und nicht zynischer Wunsch im zukünftigen Strudel künstlerischer Entwicklungen Dresdens.

 

Die Werke 800 Dresdener Porträts

 

Textfeld: Wenn Du gar nichts anders kannst,
Und nichts entsprichts, dann heißt dies Kunst; ist das Kunst?
Ein kreativer Trieb ist das, gepaart mit Lebenskraft
Die rastlos schöpft und Neues schafft,
Der immer liebt und Unmut haßt.
Als zweiten Alternativbeitrag zu der anschließenden Schau kann ich mir auch vorstellen, neue Bilder aus meiner offenen Reihe Dresdner Porträts vorzuschlagen. Begonnen im Jahr der 800 Jahr Feier Dresdens und inspiriert durch die monoton, stehenden Einzelfiguren des Künstlers Stephan Balkonol, die so langweilig sind, dass ich mich zur Konkurrenz verpflichtet fühle, habe ich mir als zusätzliches Lebensziel bis zu 800 lebensgroße, stehenden Dresdener Porträts anzufertigen, gestellt. Meines Erachtens sind die Menschen die Säulen der Zeit. Ich muss gestehen, meine Metaphysik ist semiotisch-idealistisch. Ich kann mir keinen besseren Weg, eine ideologisch unbelastete Geschichtsmalerei zu machen, als Anhand von solchen Porträts und meiner Tagebuchaufzeichnungen der Sitzungen mit den Modellen.

 

Im Kontext der Stadt Dresden, die mehr als jeder andere Deutsche Metropole für die strategische und totale Vernichtung durch angloamerikanischen Terror-Bombardement am Ende des II. Weltkrieges steht, wobei tausende unschuldige Zivilisten einen qualvollen und sinnlosen Tod starben, möchte ich mit dieser nur durch meinen Lebensweg in Dresden konzipierbaren Serien-Porträt-Arbeit, Offenheit und Zuversicht ausdrücken. Heutige Lebenskraft, Neugier, Glück und ästhetische Unschuld könnten in tagtäglichen Schritten, wenn ein günstiges Schicksal zuteil wird, zu einem gewaltigen, kumulativen Kunstwerk anwachsen mit epochalem Charakter.

 

Lance Armstrong ist mein Vorbild an Leistung, nicht an Doping. Mögen meine englischen und anderen Konkurrenten – Tracey Emin, Damien Hirst zum Beispiel –in Ohnmacht fallen.

 

Die Muse dieses Vorhabens brachte mir heute ein Gedicht: